Zukunftsvisionen

Es war Donnerstag, der 18. März 2021. 7:40 Uhr. ‚Heinrich-Heine-Allee, zur Altstadt. Ausstieg in Fahrtrichtung links. Exit left.‘ Langsam öffneten sich die Türen, und eine Frau mit mit dunkelbraunen Uggs trat aus der silbernen Ubahn auf den weißen, glitzernden Grund. Sie atmete den vertrauten Geruch der Düsseldorfer Ubahn-Stationen ein. U75, Eller, Vennhauser Allee, 1 min. U78, Esprit Arena Messe Nord, 3min. Nur noch wenige Minuten, und Scharen von Schülern würden den Bahnsteig betreten und den gewohnten Weg durch die Altstadt gehen. Die lange Rolltreppe führte sie ins Freie. Pizzeria Lupo, St.- Andreas-Kirche. Links in die Ratinger Straße, zum goldenen Einhorn, rechts in die Ursulinengasse, wieder rechts in die Ritterstraße. Der Morgen war frisch, und Nebel lag über der Skyline.

Ein halbes Jahr war sie nun im Referendariat. Sie öffnete die grüne Tür und blickte wie jeden Morgen mit ein bisschen Ehrfurcht, ein bisschen Stolz auf die darüber prangende Leuchtschrift. So viele Jahre war diese Schule ihr Traum gewesen, so lange hatte sie darauf hingearbeitet – und nun schien er sich Tag für Tag mehr zu erfüllen. Ein Blick auf den Vertretungsplan, eine alte Angewohnheit aus den Zeiten, in denen sie hier noch Schülerin gewesen war. Schließlich hing im Lehrerzimmer genau derselbe Plan. Durch den für Schüler verbotenen Gang, vorbei am Sekretariat, hinein in den Raum, dessen Innenleben sie früher immer so sehr interessiert hatte. 7:50 Uhr. Die erste Stunde hatte sie nur Bereitschaft. Heute Nachmittag war Fachkonferenz. Vor ungefähr sechs Jahren hatte sie schon mal daran teilnehmen dürfen – und heute war sie genauso aufgeregt wie früher. Manche Dinge änderten sich eben nie. So auch nicht ihre Visionen.

Noch immer wollte sie die Lehrerin sein, die es schaffte, strukturierten Unterricht zu machen und dennoch Freiräume für Fragen zu lassen.Sie wollte die Lehrerin sein, die es schaffte, auch die schwächeren Schüler zu motivieren. Sie wollte die Lehrerin sein, der es gelang, total lieb zu den Schülern zu sein und trotzdem von ihnen respektiert zu werden. Sie wollte die Lehrerin sein, der die Schüler vertrauen konnten und die trotzdem eine professionelle Distanz wahrte. Sie wollte die Lehrerin sein, die mit der Zeit ging, die die Welt ihrer Schüler verstand und die ihnen gleichzeitig Orientierung bot. Sie wollte die Lehrerin sein, die Humor hatte und die ihre SuS dennoch in den wirklich wichtigen Situationen ernst nahm. Sie wollte die Lehrerin sein, die in ihrer Arbeit aufging, die keine Mühen scheute und der immer noch Zeit für andere Dinge blieben. Sie wollte die Lehrerin sein, die für ihr Kollegium immer ein offenes Ohr hatte und die an Geburtstage etc. dachte. Sie wollte diejenige sein, die inspirierte – so wie es einst Lehrer bei ihr geschafft hatten.

Natürlich hatte sie noch lange nicht alles davon erfolgreich in die Tat umgesetzt. Manche Dinge klappten am einen Tag auch besser als andere. Dennoch war sie dankbar für die guten Vorbilder, die sich ihr tagtäglich boten. Die Fachschaften waren toll, ihre Mentorin genau die Person, die sie sich dafür gewünscht hatte und auch die Schülerschaft größtenteils sehr engagiert. Sicherlich gab es Tage, an denen sie sich für ein paar Sekunden einen klassischen Bürojob herbeisehnte; doch es überwogen die vielen Momente, in denen ihr klar wurde, dass es keinen anderen Beruf gab, der sie so erfüllte und so glücklich machte. Sie blickte aus dem Fenster. Der Schülerstrom schien kein Ende zu nehmen. Sie sah zwei Schülerinnen aus ihrer 5 in Deutsch, ihre Rucksäcke fast größer als sie. Dahinter zwei Schüler aus der 12, die nächste Woche die letzten Unterrichtsstunden erleben würden. Die Spanne dazwischen war groß, und sie liebte die Vielfalt ihres Jobs. Noch immer überraschte es sie, für das bezahlt zu werden, was für sie mehr Berufung als Pflicht war.

Sie ging ein letztes Mal ihre Stundenverlaufspläne für den heutigen Tag durch, kopierte die Arbeitsblätter für die 8b, korrigierte die Chemietests der 9e. Hinter ihr lag eine anstrengende, arbeitsreiche Woche; doch es war die Mühe wert gewesen. Plötzlich klingelte es auch schon zur zweiten Stunde. Ding, dang …

…dong, dong. 14:00 Uhr. Schulschluss. ‚Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei.‘ Wie war das nochmal? Für sie standen erst mal Konferenz, konstruktivistische Didaktik und Kollisionstheorie auf dem Plan. Der Arbeitstag war noch lange nicht zu Ende. Auch die beiden großen Pausen waren heute entfallen, zugunsten von Schülergesprächen und Experimentvorbereitungen. Das war das wahre Lehrerleben. Doch nun würde sie erst mal mit der tollsten Chemie-Fachschaft kochen, bevor es um Protokolle, Lehrpläne und Sicherheitsvorschriften gehen sollte. Crème brulée – wozu Gasbrenner alles gut waren. Keine zwei Stunden später saß sie  neben ihrer Mentorin gespannt auf die Konferenz im Raum 155 – alles wie damals. Aber ob sie damals schon gewusst hatte, wie glücklich sie in ein paar Jahren sein würde?

Advertisements

Jahresrückblick & Worte für das neue Jahr

„Raketen flogen über der Stadt, ein buntes Lichtermeer. Die Geräusche des Feuerwerks waren Donner, waren Zischen, waren Sturm. Sturm, Zischen und Donner, mitten in der Nacht, Abflug der Raketen, Begrüßung des neuen Jahres, ein wahres Spektakel, ein einziger Moment, ein Moment in unserem Leben. Noch waren die guten Vorsätze nicht gebrochen. Noch war das Jahr 2015 ein unbeschriebenes Buch. Die Menschen lächelten. Alle blickten zum Himmel auf.“
Hallo an alle da draußen,
die das gerade lesen. So in der Art hat wahrscheinlich für jeden von euch das Jahr 2015 angefangen. Ich persönlich hatte damals noch keine Ahnung, welche Überraschungen es für mich bereithalten würde. Für mich war es ein recht ereignisreiches Jahr. Die letzten Schultage, die Abiturprüfungen, die Abschlussfeier, mein Eignungspraktikum und nicht zuletzt der Beginn des Studiums.
Das erste einschneidende Ereignis, von dem ich erzählen möchte, waren die Besinnungstage im Januar 2015. Sie waren gleichzeitig auch die letzte von der Schule organisierte Fahrt. Es ging ein kleines Dorf in der Eifel und ich habe dort eine Zeit verbracht, an die ich mich gerne zurückerinnere. Ich weiß noch genau, wie wir dort ankamen. Es war furchtbar kalt, gefühlt weitab von jeglicher Zivilisation und ja, in dem Moment hätte ich mir weitaus Schöneres vorstellen können. Toll, hier sollte ich also die nächsten drei Tage verbringen. Aber wenn ich nun an diese Tage zurückdenke, denke ich an die nächtlichen, etwas gespenstischen Spaziergänge um die Kirche in der klirrenden Kälte mit den anderen, an unsere „Wanderungen“ zum nächsten Supermarkt, an den Film „Der Club der toten Dichter“, an die vielen Diskussionen über „Carpe Diem“ und daran, einfach mal befreit von allem anderen zu sein. Ich bin ganz sicher, dass es eine Zeit war, die sich – auch aufgrund anderer Erlebnisse – in unser alle Gedächtnis „eingepflanzt“ hat. SIe haben mich gelehrt, sich auf etwas Neues einzulassen und seine Vorurteile über den Haufen zu werfen.
Direkt im Anschluss an die Besinnungstage folgten auch schon die Projekttage an meiner Schule, und auch hier möchte ich meine Erinnerungen kurz mit euch teilen. Die Projekttage fanden eigentlich gleichzeitig statt, aber da ich ein Projekt mit vorbereitet hatte, durfte ich einen Tag früher von den Besinnungstagen fahren, um einen Teil des Projektes noch miterleben zu können. Ich denke hier an meine Panik, den Anschlusszug zu verpassen, an das längste Backprojekt meines Lebens, an selbstgemachten Lippenbalsam und Handcreme, und an eine mehr oder weniger gelungene Seife. Sie haben mich gelehrt, dass man als Lehrperson immer mit unerwarteten Dingen rechnen muss, wie man damit umgeht und wie viel Spaß es machen kann, so etwas vorzubereiten und jahrgangsstufenübergreifend zu arbeiten.
Im Februar folgte dann Karneval, und mir wurde etwas schmerzlich bewusst, dass dies das letzte Karnevalsfest war, was ich als Schülerin erleben würde. Das letzte Mal, dass man sich mit fast der gesamten Stufe auf der Ritterstraße versammeln würde. Das letzte Mal, dass es sich so normal anfühlen würde, dort wie selbstverständlich alle zu treffen.
Natürlich war auch die Mottowoche im März ein prägendes Erlebnis, und der Fahrradkorso mit 150 Leuten in Tierkostümen über die Königsallee, die Oberkassler Brücke und die Rheinpromenade ein wahres Abenteuer.
Einer der seltsamsten Tage im ganzen Jahr war garantiert der letzte Schultag. Es war ein komisches Gefühl, zu wissen, dass man das letzte Mal einfach so mit der Bahn fahren würde, sich das letzte Mal bei BackWerk treffen würde, sich das letzte Mal über den Schulgong und das Ende des Schultages freuen würde. Kurz danach folgte das Abitur, und diese Momente des Angespanntseins, die Unwissenheit, was in den Prüfungen gefragt werden würde, die Aufregung vor der Verkündung der Ergebnisse, die Hoffnung, in keinem Fach in die Nachprüfung zu müssen, wurden in meinem Fall von einem sehr positiven Gefühl abgelöst und in den ersten paar Sekunden, in denen ich das vorläufige Abiturzeugnis in den Augen hielt, konnte ich es kaum fassen.
Das Jahr 2015 bestand aus einer Reihe von letzten Malen, aber es folgten auch viele erste Male, viele Neuanfänge.
In meinem Eignungspraktikum durfte ich die Schule zum ersten Mal aus einer anderen Perspektive wahrnehmen, das erste Mal meine Pausen im Lehrerzimmer verbringen, das erste Mal eigenständig unterrichten. Zum ersten Mal lernte ich die praktische Seite des Lehrerberufes kennen und zum ersten Mal bekam ich Rückmeldungen zu meinen Unterrichtsentwürfen, meinen erteilten Stunden und meinem Umgang mit den Schülerinnen und Schülern. Das Feedback war für mich „überwältigend“ und brachte mich meinem Berufswunsch und Wunschberuf nochmal ein ganzes Stück näher.
Mit dem Eintritt ins Studentenleben hat sich für mich vieles verändert. Ich möchte allen Leuten Danke sagen, die ich in dieser Zeit schon kennenlernen durfte und die dafür gesorgt haben, dass ich mich nach so kurzer Zeit in Münster zu Hause fühlen durfte. Es freut mich immer wieder, dass ich manche Personen direkt am allerersten Tag im Mathe-Vorkurs kennenlernen durfte und dass ich mit den Menschen meiner beiden Studienfächer in so kurzer Zeit schon so viele erlebenswerte und unvergessliche Momente hatte.

Ungefähr seit August hat sich mein Blog um meinen Instagram-Account erweitert, dem mittlerweile unglaubliche über 600 Menschen folgen und ich möchte meinen Dank aussprechen für die große Wertschätzung meiner Beiträge, für eure vielen Fragen und eure lieben Worte, die mich immer wieder motivieren und inspirieren. Es gibt viele Accounts, die auch mir persönlich sehr ans Herz gewachsen sind und ich bin wahnsinnig dankbar, Menschen mit ähnlichen Zielen, Vorstellungen und Gedanken „kennengelernt“ zu haben, mit denen ich teilweise seit einem halben Jahr in täglichem Kontakt bin.
Instagram hat mir teilweise auch Lebensstile gezeigt, in denen Menschen Schule, Lernen und Noten wesentlich ernster nehmen, als ich es getan habe, und das, obwohl ich sogar manchmal denke, dass ich das Ganze noch etwas lockerer hätte nehmen können. Natürlich gilt, dass jeder das finden muss, was für ihn richtig ist und womit er sich sicher fühlt. Deshalb möchte ich an dieser Stelle gar keine großen Worte verlieren, sondern euch nur Folgendes mit auf den Weg geben:
Setzt euch für das neue Jahr, was auch immer es für euch beinhaltet, klare Ziele! Aber schaut gleichzeitig, dass diese Ziele auch realistisch sind. Wer von einem auf den anderen Tag eine extreme Veränderung erwartet, der wird nur demotiviert und enttäuscht werden. Gesteht euch selbst etwas zu! Es ist normal, dass man nicht an jedem Tag die gleiche Leistungsfähigkeit erbringen kann und dass einem Dinge mal mehr, mal weniger gut gelingen. Lernt, euch selbst einzuschätzen und findet selbst heraus, wann für euch der richtige Zeitpunkt ist, euch auf etwas Wichtiges vorzubereiten. Aber bitte behaltet auch immer im Kopf, dass es Dinge gibt, die viel wichtiger als Schule, Uni oder der Beruf sind. Gestaltet euer Leben so, dass ihr am Ende des Jahres sagen könnt: Ich habe mich angestrengt und habe getan, was ich konnte und ich bin stolz darauf, was ich geleistet habe, aber auch auf die Momente, in denen ich den Blick auf andere Dinge gerichtet und es nicht bereut habe. Und welche Art von Erfolg das dann ist, ist bei jedem etwas anders. Kommen wir auf das, was ich eigentlich sagen möchte: Jeder ist anders. Jeder hat andere Talente. Messt euch nicht an anderen, und schon gar nicht an irgendwelchen Study-Accounts, die euch vorschreiben, wie es richtig ist. Das heißt nicht, dass man sich nicht an Erfahrungen anderer orientieren sollte, denn auch ich versuche ja, euch Dinge mit auf den Weg zu geben, aber behaltet dabei im Hinterkopf, dass ihr ihr selbst seid und handelt nach euren eigenen Maßstäben. Ich persönlich habe zum Beispiel gar nicht erst irgendwelche Berechnungen angestellt, wie mein Schnitt denn werden könnte oder wie viele Punkte ich noch benötige. Ich habe das getan, was in meiner Macht stand, bin auch manchmal verzweifelt oder habe daran gedacht einfach aufzugeben und Mut zur Lücke zu haben. Aber ich habe mich auch immer wieder aufgerafft, mit dem Ziel, am Ende nicht zurückblicken zu wollen, und zu sehen, dass ich so viele Dinge besser hätte machen können, das erschien mir persönlich realistisch. Andererseits: Bewahrt euch auch die wertvolle Eigenschaft, in gesundem Maße selbstkritisch zu sein, denn auch ich muss rückblickend zu meinem „realistischen Ziel“ sagen, dass es immer irgendetwas gibt, was man besser hätte machen können. Dennoch bin ich, insgesamt auf das Jahr bezogen, glücklich und zufrieden und das wünsche ich euch auch, für das Ende dieses Jahres und natürlich auch für das nächste Jahr: Zufriedenheit, Gesundheit, Motivation, Kampfgeist, Erfolg und Glück!
Ich möchte nun von der persönlichen Ebene wieder auf die etwas allgemeinere zurückkehren und euch zum Ende des Jahres noch ein paar literarisch geprägte Worte zum Nachdenken mitgeben, die einen Rahmen um meinen Text bilden sollen. Es handelt sich, wie auch in dem Text am Anfang, um eine von mir geschriebene Verfremdung eines Auszugs aus „Tauben im Gras“ und ich hoffe, jeden von euch ein bisschen damit ansprechen zu können. In diesem Sinne: Auf ein erfolgreiches neues Jahr 2016, in dem wir den Blick für unsere Gesellschaft und zugleich unsere eigene Persönlichkeit im Wandel der Zeit nicht verlieren! Danke für alles ❤
„Mitternacht schlägt es vom Turm. Es endet der Tag, es endet das Jahr. Ein Kalenderblatt fällt. Man schreibt ein neues Datum. Die Redakteure gähnen. Die Druckformen der Morgenblätter werden geschlossen. Was in dem Jahr geschehen, geredet, gefragt, gelehrt, begonnen und abgeschlossen war, lag in Blei gegossen wie die kleinen Figuren auf den Löffeln der Menschen. Das Blei war außen glänzend, und innen steckten tausende von Erlebnissen. Die Zeitungsleute hatten es analysiert, Unglück und Glück, Not und Hilfe, Krieg und Frieden; sie hatten Positives und Negatives in die Spalten gepresst. Die Schlagzeilen standen, die Ratlosigkeit der Staatenlenker, die Erfolge und Misserfolge, die Ängste und Freuden der Menschheit, die Zweifel und Bestätigungen ihres Glaubens, die Berichte von den Taten des Jahres waren vervielfältigungsbereit, sie wurden in das Bad der Druckerschwärze getaucht. Die Rotationsmaschinen liefen. Ihre Walzen pressten auf das Band des weißen Papiers die Parolen des neuen Jahres, die Hoffnungen der Menschen, die Fragen der Furcht, den Fortschritt auf der Erde. Noch wenige Stunden, und die Schlagzeilen, die Parolen, die Hoffnungen, die Fragen und der Fortschritt werden ins Haus des Lesers getragen; die Händler werden die Morgensprüche der Medien an die Wände ihrer Kioske hängen. Viele, aber nicht alle Nachrichten wärmen. SPANNUNG, INTERESSE, MOTIVATION, EINE SICHERE ZUKUNFT? Am Himmel leuchten die Farben der Raketen. Niemand schweigt mehr. Alle wünschen sich ein gutes neues Jahr. Die Welt wurde bunt beleuchtet, die Welt wird wieder für den Alltag hergerichtet. Die Zeit treibt Manöverspiele. EINE SICHERE ZUKUNFT, MOTIVATION, INTERESSE, SPANNUNG? Komm-du-nun-Entspannung. Doch niemand entflieht seiner Welt. Das neue Jahr steckt voller Möglichkeiten. Wir leben in einem Spannungsfeld, Sozialisation, Individualisierung, unterschiedliche Ansprüche, nicht immer leicht zu vereinen, wir leben an der Nahtstelle, an der Bruchstelle, in einer gemeinsamen Welt, die Zeit ist kostbar, sie ist eine Spanne nur, eine karge Spanne, es liegt an uns, sie zu nutzen, das neue Jahr, doch sie ist niemals vertan durch eine Atempause, Atempause in einer sich so schnell verändernden Welt.“

Deutsch LK Erfahrungsbericht

August 2013. Das elfte Schuljahr hat begonnen. Die Qualifikationsphase. Zusammen mit meinen beiden Freundinnen aus meiner alten Klasse laufe ich zu Raum 157. Wir alle sind ziemlich gespannt, was uns erwarten wird. Im Raum ist es schon ziemlich voll. Der Gedanke, nicht mehr im Klassenverband Deutsch zu haben, ist irgendwie doch noch sehr ungewohnt, obwohl ich Kurse eigentlich schon aus der 10. Klasse von den Nebenfächern kenne. In der vorletzten Reihe finden wir einen Platz. Wenig später erscheint unsere Lehrerin, und die erste Deutsch-LK-Stunde meines Lebens beginnt.
Während die grundlegenden Dinge geklärt werden, bekomme ich eigentlich auch schon Zweifel. Was, wenn es total anders ist als vorher? Was, wenn ich plötzlich schlecht in Deutsch bin? Was, wenn ich ausgerechnet in meinem Leistungskurs versage? Aus dem Augenwinkel registriere ich mehrere Schülerinnen und Schüler, die mitschreiben. Sollte ich das auch tun? Ich dachte, das wäre jetzt einfach nur Grundsätzliches, was man sich merken sollte… Es geht um das Thema Hausaufgaben. Natürlich werde ich jede einzelne machen, nehme ich mir vor. Es ist ja schließlich mein Leistungskurs und da möchte ich doch nicht schon zu Anfang den Faden verlieren. Was aus meinen anfänglichen Ängsten und guten Vorsätzen geworden ist, sollt ihr im Folgenden erfahren. Dieser Post soll eine Entscheidungshilfe für all diejenigen sein, die darüber nachdenken, Deutsch als LK zu wählen und soll bewirken, dass ihr in eurer ersten Stunde vielleicht schon ein bisschen besser informiert seid, als ich es damals war.

– Wie verläuft eine Unterrichtsstunde im Deutsch-LK?
Schon die erste Frage lässt sich leider nur schwer beantworten. Es ist schwer themenabhängig. Was ich aber auf jeden Fall sagen kann, ist, dass der Unterricht nicht viel anders ist als vorher. Meistens werden zu Anfang erst mal die Hausaufgaben zur Stunde besprochen. Hier ist vor allem eines gefragt: Geduld! Auch wenn ihr euch vielleicht noch so viel Mühe gegeben und das Gedicht seitenlang analysiert habt und nun unbedingt wissen wollt, ob die Analyse euch gelungen ist, so müsst ihr trotzdem damit rechnen, dass ihr euch zunächst 5 Analysen eurer Mitschülerinnen und Mitschüler anhören und deren Vorzüge und Knackpunkte diskutieren müsst, bevor ihr an die Reihe kommt. Vorausgesetzt, ihr kommt überhaupt dran. Ansonsten besteht aber immer noch die Möglichkeit, die Hausaufgabe abzugeben, aber habt auch Verständnis, wenn die Lehrperson mal zu euch sagt, dass sie noch andere Klausuren korrigieren müsse und dass sie lieber nächstes Mal eine Hausaufgabe nachschauen würde. Aber vorerst genug zum Thema Hausaufgaben. Meistens sagt die Lehrperson dann noch ein paar Dinge zu dem zu analysierenden Text und schreibt einiges an die Tafel. Natürlich empfiehlt es sich hier, diese Dinge auch mitzuschreiben, da sie auf jeden Fall für die Klausurvorbereitung wichtig sein werden. Oft erfolgt danach eine Verallgemeinerung der zuvor gewonnenen Erkenntnisse, die nun z.B. auf ein anderes Gedicht angewendet werden sollen. Danach ist die Stunde oft schon wieder vorbei und endet mit der Stellung der Hausaufgabe. Es gibt aber auch zahlreiche Stunden, die komplett anders verlaufen. DIE exemplarische Deutsch-LK-Stunde gibt es nicht. Je nach Thema, Fortschritt innerhalb des Themas, Arbeitsmethoden, Unterrichtsverfahren, kann eine Stunde ganz anders aussehen. Wie gesagt, wie vorher auch. Gerade der Deutsch-Unterricht in der 10. Klasse ist im besten Falle eine Vorbereitung auf den Deutsch-Unterricht im LK, der sich nun hauptsächlich dadurch unterscheidet, dass man einfach mehr Zeit hat, die Dinge zu beleuchten, sie zu hinterfragen und zu diskutieren.
Damit sind wir auch schon beim Stichwort: Diskutieren! In meinem LK wurde immer unwahrscheinlich viel diskutiert. Über die Charaktere der Lektüren, über die Aussage des Gedichts, über alles. Ich möchte ganz ehrlich sein: Auf der einen Seite war es wirklich bereichernd und hat einem geholfen, das Ganze noch einmal aus einer anderen Perspektive zu sehen, auf der anderen Seite ist man manchmal vom Hölzchen aufs Stöckchen gekommen und die Deutsch-LK-Stunde hat sich ewig hingezogen. Im Großen und Ganzen waren die 90 Minuten aber immer recht spannend.

– Welche Themen werden behandelt?
Der Deutschunterricht in der Schule hat einen ganz klaren Schwerpunkt: Die Literatur. Das merke ich vor allem jetzt, wo ich studiere und in diesem Semester nur Sprachwissenschaft mache. Für das Abitur ab 2017 haben sich die Vorgaben ein wenig geändert, aber meine eigenen Erfahrungen dürften relativ deckungsgleich mit denen derjenigen sein, die 2016 Abi machen. Meine Angaben beziehen sich auf NRW.

„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin…“
LYRIK: Wir haben das Thema Lyrik fast vollständig behandelt. Damit meine ich, dass wir nicht nur, wie in den Vorgaben festgelegt, Romantik, Expressionismus und jüngste Gegenwart behandelt haben, sondern auch die Epochen dazwischen, angefangen bei Barock. Das Zitat oben stammt aus Heinrich Heines Loreley-Ballade, die uns mehrere Stunden beschäftigt hat. Die Vorteile des Themas Lyrik liegen darin, dass eine Gedichtsanalyse immer demselben Schema folgt, man kann also gut dafür lernen. Auch die Bestimmung von Metrum, Reimschema und Kadenzen sowie die Kennzeichen einer Epoche kann man sich gut aneignen. Der Nachteil ist meiner Meinung nach, dass man erst mal einen Zugang zur Lyrik finden muss, in der vieles in Metaphern oder zum Teil auch in heute nicht mehr geläufigen Redewendungen ausgedrückt wird. Gedichte sind nicht für jeden etwas und somit findet auch das Thema Lyrik seine Befürworter und Gegner. Für das Abi 2016 haben sich die Vorgaben nicht geändert, Romantik, Expressionismus und jüngste Gegenwart bilden nach wie vor einen Schwerpunkt, für das Abi 2017 und 2018 ist nur noch der Expressionismus gefragt, dafür aber auch poetologische Konzepte.

„Einem Liebhaber, der den Vater zur Hilfe ruft, trau ich – erlauben Sie – keine hohle Haselnuss zu.“
DRAMATIK: Auch das Thema Dramatik haben wir sicherlich ausführlicher gemacht als die Abijahrgänge nach uns. Für das Abitur 2015 musste man nicht nur Kabale und Liebe von Friedrich Schiller, sondern auch Iphigenie auf Tauris von Johann Wolfgang von Goethe lesen. Zusätzlich dazu haben wir uns noch mit Georg Büchners Woyzeck auseinandergesetzt, dieses soziale Drama hat mir von den drei genannten sogar am besten gefallen. Kabale und Liebe kam dieses Jahr im Grundkurs als Abithema, aber im LK fehlte Dramatik. Dass es keine Dramenaufgabe gab, fand ich persönlich sehr schade, ich hätte sie gerne genommen. Das Zitat stammt aus Kabale und Liebe, welches auch 2016 noch in den Abiturvorgaben vertreten ist. Der Vorteil dieses Werks besteht darin, dass es relativ leicht zu lesen ist – vorausgesetzt, man kommt mit der älteren Sprache zurecht – und dass man hierfür, wie generell für Dramen, wieder gut lernen kann, indem man sich ein Schema für die Analyse erstellt, sich zu den einzelnen Charakteren, der Epoche, den Deutungsansätzen und zum Autor etwas aufschreibt. Der Nachteil ist, dass es natürlich nicht mehr ganz zeitgemäß ist, sodass ich es an einigen Stellen etwas langweilig fand, gerade beim zweiten Lesen im Hinblick auf die Abiturvorbereitung.
Für das Abi 2016 wird nur noch Kabale und Liebe vorgegeben, an der Schule, an der ich mein Eignungspraktikum gemacht habe, wurde im LK aber auch noch Woyzeck behandelt, um ein Drama zum Vergleich zu haben. In den Vorgaben für das Abi 2017 und 2018 steht Faust I als Drama, da es aber dem Punkt „Strukturell unterschiedliche Dramen aus unterschiedlichen historischen Kontexten“ untergeordnet ist, ist aber auch hier davon auszugehen, dass ein weiteres Drama gelesen wird. Außerdem wird die Bühneninszenierung eines dramatischen Textes gefordert, was ich mir sehr interessant vorstelle, sofern es im Unterricht auch wirklich umgesetzt wird. Die Veränderung des Lehrplans passiert vom einen auf das andere Schuljahr und ist ja somit auch für die Lehrerinnen und Lehrer eine große Umstellung. Noch zu Faust: Das ist übrigens auch ein sehr interessantes und gelungenes Drama – ich habe es mit meinem Nachhilfeschüler gelesen!

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“
EPIK: Jeder, der schon 2016 Abi macht und Deutsch-LK hat, wird dieses Zitat erkannt haben, denn es ist der erste Satz von Kafkas Roman „Der Prozess“. In meinem LK haben wir Hiob, der Prozess sowie Tauben im Gras als Romane sowie Textbeispiele aus der Epoche der Neuen Sachlichkeit gelesen. Tauben im Gras, einer meiner absoluten Lieblingsromane, fällt leider zukünftig raus. Dennoch denke ich, dass die meisten von euch sich glücklich schätzen würden, denn es ist sehr anstrengend zu lesen. Es geht um einen einzigen Tag in der Nachkriegszeit in einer deutschen Großstadt und man erhält Einblicke in das Leben von über 30 Personen, die in einem komplizierten Geflecht irgendwie alle miteinander verknüpft sind. Der Schreibstil ist einzigartig, die Anwendung von Simultan- und Montagetechnik faszinierend. Marcel Reich-Ranicki hat gesagt: „Wer diesen Roman nicht gelesen hat, der soll nicht glauben, er kenne die deutsche Literatur nach 1945.“ Aber Schluss mit der Werbung, und zurück zu den relevanten Themen. Hiob hat mich persönlich zwar wenig angesprochen, obwohl es durch aus Identifikationspunkte gab, es ist aber ein insgesamt recht verständliches Werk und definitiv leichter zugänglich als Kafkas Prozess. Aber auch dieser Roman ist durchaus lesenswert und eine Erfahrung für sich. Und wenn man sich länger damit beschäftigt, so wird man sich erst des Facettenreichtums und der Vielfältigkeit der Erklärungsansätze bewusst. Im Grundkurs liest man anstelle vom Prozess übrigens Die Verwandlung. Hiob fällt mit 2017 weg, der Prozess bzw. Die Verwandlung bleiben aber auch 2017 und 2018 erhalten. Die Analyse eines Romans folgt ebenfalls einem konkreten Schema, dennoch finde ich die Analyse hier häufig komplexer, da es einfach noch mehr zu berücksichtigen gibt.
„Die Worte zerfielen mir im Mund wie modrige Pilze“
Hallo Chandosbrief! Mit dir habe ich mich schon seit längerer Zeit nicht mehr auseinandergesetzt, und das, obwohl ich dich eigentlich recht interessant finde. Das Thema „Reflexion über Sprache“ zerfällt in zwei große Themenbereiche: Spracherwerb und Sprachentwicklung sowie Sprachkritik, Sprachskepsis, Sprachnot. Der zweite Bereich wird nur im LK behandelt.
Spracherwerb und Sprachentwicklung: Hier wurden zahlreiche Sprachursprungstheorien behandelt, allen voran die „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ von Johann Gottfried Herder. Diesen Text haben wir, obwohl nur Auszüge gefordert sind, beinahe vollständig gelesen und ich gebe zu, das war gewiss nicht mein Lieblingsthema, weil ich es relativ schwer zu verstehen fand. Die modernen Sprachtheorien, zum Beispiel von Chomsky, Pinker und Tomasello waren da schon mehr mein Fall, wobei die bestimmt nicht in jedem LK gelesen werden. Das Thema Sprachwandel, welches übrigens gleich 5 Teilbereiche der Linguistik, nämlich Morphologie, Phonologie, Syntax, Semantik und Pragmatik umfasst, was mir allerdings erst im Studium aufgefallen ist, sollten wir uns als Projektarbeit selbst erarbeiten, was auf jeden Fall interessanter war als Herder. Zu diesem Thema passt natürlich eine Sachtextanalyse. Diese ist mir persönlich immer schwerer gefallen als die Analyse eines literarischen Textes, aber es gab auch genügend Leute, bei denen es genau andersrum war. Ein Sachtext kann aber natürlich auch mal zu einem Roman drankommen, aber dazu später mehr.
Sprachkritik, Sprachskepsis, Sprachnot: Jaja, die berühmt-berüchtigte Sprachkrise um 1900. Auch nicht unbedingt mein Favorit. Der Chandosbrief von Hugo von Hofmannsthal ist eigentlich sehr interessant, aber gewiss kein einfacher Text. Auch die Theorien von Nietzsche, von Wittgenstein und Karl Kraus musste ich mehrmals lesen. Dennoch ist auch dieses Thema definitiv zu bewältigen. Zum Thema Sprachkrise sollte man Gedichte und Sachtexte behandeln und obwohl ich Lyrik ansonsten gerne mag, war mir dies nicht gerade ein Vergnügen. Aber keine Sorge, im Abitur darf man ja wählen und wem es genauso geht wie mir, der hat – sofern die Sprachkrise überhaupt drankommt – immer noch zwei andere Aufgaben zur Wahl.
Für 2016 scheint es bezüglich dieses Themas genauso auszusehen wie bei mir, 2017 und 2018 jedoch wird zum Thema Sprache noch deutlich mehr gemacht. Der anfangs thematisierte Literaturschwerpunkt scheint hier also nicht mehr unbedingt zuzutreffen. Hier geht es nicht nur um Spracherwerbsmodelle, sondern schwerpunktmäßig auch um Mehrsprachigkeit, Sprachvarietäten und ihre gesellschaftliche Bedeutung (also zum Beispiel um Soziolekte), sowie um das Verhältnis von Sprache, Denken und Wirklichkeit (worum es ja bei der Sprachkrise auch ging). Sprache wird nicht nur als biologisches und kognitives, sondern vielmehr auch als soziales und historisches Phänomen betrachtet, was sicher sehr interessant ist und sich auch im Germanistikstudium als hilfreich erweisen könnte. Die großen Überthemen Kommunikation und Medien konnten bei uns allenfalls angeschnitten werden, in den Vorgaben ab 2017 sind sie aber fest verankert. Was genau diese Themen umfassen, könnt ihr in den Vorgaben nachlesen, ich persönlich kann leider nicht viel dazu sagen, außer dass sie im Studium vor allem im Teilbereich der Semantik und Pragmatik im Hinblick auf die Diskursanalyse behandelt werden.

– Wie ist der Unterricht im Vergleich zum GK/zum Unterricht vorher?
Wie ihr vielleicht schon aus den Zeilen herauslesen konntet, gibt es keinen großen Unterschied. Im GK bleibt euch der Prozess erspart, stattdessen werden ihr mit der Verwandlung konfrontiert. Für Abi-2016-Leute entfallen im GK die Gedichte der jüngsten Gegenwart, außerdem wird die Sprachkrise nicht zum Thema gemacht. Im Abitur 2017 und 2018 bilden die Themen „Verhältnis von Sprache, Denken und Wirklichkeit“ (siehe u.a. Sprachkrise), „Autor-Rezipienten-Kommunikation“ sowie „kontroverse Positionen der Medientheorie“ LK-spezifische Zusatzthemen, außerdem soll hier „Filmisches Erzählen“ thematisiert werden, während im GK die filmische Umsetzung einer Textvorlage in Ausschnitten Lerngegenstand ist. Im LK hat man insgesamt auch einfach mehr Zeit, die Lektüren und Texte zu besprechen. Im Vergleich zum Unterricht vorher werden alle Texte etwas komplexer, die Klausuren länger und die Zensuren (gerade im LK aufgrund der doppelten Wertung) etwas wichtiger.

– Wie sieht eine Klausur aus?
Die typische LK-Klausur besteht meistens aus zwei Aufgaben. Geht es um einen fiktiven Text, so ist die erste Aufgabe meistens die Analyse und die zweite Aufgabe irgendein Vergleich, zum Beispiel der Vergleich der Darstellung der Protagonisten in zwei verschiedenen Romanen. Hat man einen Sachtext vorliegen, soll meistens zunächst der Text analysiert und anschließend eine textgebundene Erörterung verfasst werden. Wie die Aufgaben gewichtet sind und wieviel Zeit man sich jeweils dafür nehmen sollte, geht meistens aus der Punktzahl hervor. Womit ihr jedoch rechnen müsst, ist, dass ihr für die zweite Aufgabe auch nochmal eine knappere Analyse eines zweiten Textes vornehmen müsst. Insgesamt sind Deutsch-LK-Klausuren auf jeden Fall machbar, mein einziges Problem war meistens die Zeit, jedoch ist klar, dass man in den anfänglichen 3 45-Minuten-Stunden nicht jeden einzelnen Aspekt im Detail erläutern kann. Natürlich ist aber auch die mündliche Mitarbeit sehr, sehr wichtig, da sie 50% der Note ausmacht.

– Lernaufwand für eine Klausur/für das Abitur
Zunächst die gute Nachricht: Der Lernaufwand für eine normale Klausur hat sich bei mir immer sehr in Grenzen gehalten. Ich hatte natürlich die Lektüre gelesen, von den aufgegebenen Analysen mindestens eine mal ausführlich gemacht, um zu sehen, ob ich es kann und auch sonst halbwegs im Unterricht aufgepasst. So hat es für mich meist ausgereicht, am Tag vorher nochmal den groben Inhalt in einer Erläuterung (ich empfehle die gelben von Klett, die sind wirklich super!) nachzulesen und mich ein bisschen über die Charaktere, die Epoche und den Aufbau der jeweiligen Analyse schlau zu machen, dies auf einen Zettel zu schreiben und den auswendig zu lernen. Bei Sachtexten sah das Ganze natürlich etwas anders aus: Hier habe ich mir die im Unterricht behandelten Texte nochmal durchgelesen und die Argumenttypen sowie den Aufbau einer Sachtextanalyse gelernt. Dazu muss ich aber auch sagen, dass ich a) relativ gut auswendig lernen kann und b) von Anfang an nie Probleme mit Rechtschreibung, Grammatik oder mit dem Ausdruck hatte und relativ gut formulieren kann.
Nun die etwas schlechtere Nachricht: Von meinen Abifächern war Deutsch eins der lernintensiveren, weil ich in den Osterferien (also zwei Wochen vor der Klausur) ALLE Lektüren (und bei mir waren es ja relativ viele) noch einmal gelesen habe, was natürlich eine Weile dauert. Zwar haben wir im LK die Themen aufgeteilt, allerdings kann ich mit meinen eigenen Zusammenfassungen am besten arbeiten und habe somit alle Themen noch einmal selbst gemacht. Ich habe für jedes Thema, mit allem, was dafür wichtig war, ungefähr 1-2 Tage gebraucht und jeden Tag ca. 5-6 Stunden daran gearbeitet, weil ich die restliche Zeit für meinen zweiten LK gelernt habe , den ich zwei Tage später geschrieben habe. Insgesamt war die Abiklausur nicht viel schwer als die vorigen und ich hätte bestimmt auch mit etwas weniger Aufwand eine sehr gute Note erreichen können. Wen es interessiert: Ich war in Deutsch eigentlich immer recht gut, ich hatte, seitdem es Noten gab (also seit der dritten Klasse) immer eine 1 auf dem Zeugnis und habe diesen „Rekord“ auch bis zum Abitur halten können. In meinem letzten Schulhalbjahr hatte ich sogar 15 Punkte. Das alles war aber, wie ihr seht, nicht unbedingt auf mein Lernen zurückzuführen, sondern eher darauf, dass Deutsch mir grundsätzlich recht leicht fällt und Spaß macht.

– Was möchte ich rückblickend noch sagen?
Meine Zeit im Deutsch-LK war eine sehr schöne, erlebnisreiche Zeit. Sie war geprägt von zahlreichen Diskussionen, mal mehr, mal weniger sinnvoll. Sie bestand auch aus Stunden, in denen ich mit den Gedanken vielleicht mal ganz woanders war, ohne dass ich am Ende wahnsinnig viel aufarbeiten musste. Ich möchte danke dafür sagen, dass mir der Umgang mit schwierigeren Werken, zum Beispiel mit Tauben im Gras erklärt wurde und vor allem dafür, dass auch das kreative Arbeiten bei uns nicht zu kurz kam, obwohl es mit keinem Wort im Lehrplan erwähnt wurde. Insgesamt habe ich es nicht bereut, Deutsch als LK gewählt zu haben und ich freue mich schon sehr darauf, irgendwann vielleicht einmal selbst einen LK unterrichten zu dürfen.

– Was sollte ich in den Deutsch-LK mitbringen?
Ich persönlich finde den Begriff geeignet/ungeeignet höchst problematisch, da jeder im Laufe der Zeit seinen eigenen Lernfortschritt erlebt und es auch bei uns im LK Leute gab, die sich erheblich verbessert haben. Dennoch gibt es ein paar grundlegende Dinge, die man mitbringen sollte, damit man selbst auch Spaß an seinem LK hat, denn das ist meiner Meinung nach etwas ganz Wichtiges!
Als allererstes sollte man Freude am Lesen haben und sich für Werke aus verschiedenen Epochen interessieren. Dass man nicht jede einzelne Lektüre gelungen findet, ist normal, doch auch das kritische Hinterfragen eines Textes sollte einen nicht komplett langweilen. Auch die Freude am Umgang mit Texten und das genaue Aufschlüsseln von diesen ist wichtig und eine Analyse sollte nach Möglichkeit nicht die schlimmste Beschäftigung, die man sich nur denken kann, darstellen.
Schön wäre natürlich auch, wenn man einigermaßen sicher im Bereich von Orthographie, Grammatik und Ausdruck ist, denn auch, wenn man keine Diktate oder Grammatikarbeiten schreibt, zählt die Darstellungsleistung immerhin wichtige 28 von 100 Punkten. Dennoch ist es natürlich kein Weltuntergang, wenn einem beim Verfassen eines so langen Textes in relativ kurzer Zeit in Klausuren der eine oder andere Flüchtigkeitsfehler unterläuft. Außerdem kenne ich auch Leute, die mit Lese-Rechtschreibschwäche den Deutsch-LK gemeistert haben, wenn vielleicht auch nicht mit einer 1 oder 2.
Da wie gesagt auch die mündliche Arbeit eine wichtige Rolle spielt, sollte man den Mut mitbringen, seine Analysen auch im Plenum vorzutragen und sich aktiv an Diskussionen zu beteiligen. Das Schöne an Deutsch ist, dass es hier nicht immer unbedingt nur Richtig und Falsch gibt, sondern auch mehrere Meinungen nebeneinander existieren können.
Insgesamt ist der Deutsch-LK meiner Meinung nach ein LK, der durch seine Vielfalt immer relativ viele Leute anspricht und deshalb auf jeden Fall eine Überlegung wert ist! Zudem sollte man sich überlegen, dass man Deutsch sowieso nicht abwählen kann und wenn man sich sowieso sicher ist, es ins Abi nehmen zu wollen, macht der LK auch keinen riesigen Unterschied mehr zum GK. Nur wer beim Lesen des Textes fast eingeschlafen ist und sich sicher ist, dass es nicht an Schlafmangel oder meinem Schreibstil liegt, der sollte die LK-Wahl nochmal überdenken :D!

Ich bedanke mich bei allen für das Lesen und hoffe, dass ich dem ein oder anderen helfen konnte! ❤

Vom Valenzelektronenpaarabstoßungsmodell bis hin zu konzeptbezogenen Kompetenzen

Chemie auf Lehramt – ein Fach, verschiedene Bereiche. Im ersten Semester geht es auf der einen Seite um Allgemeine Chemie, auf der anderen Seite um Chemiedidaktik. Was genau dort behandelt wird, erfahrt ihr im Folgenden:

„Vorlesung Allgemeine Chemie“

Ein Blick auf die Uhr. Oh Gott, schon fast 10. Theoretisch ist bis viertel nach Zeit, doch der C1, also der größte Hörsaal in Chemiegebäude wird meistens um kurz nach geöffnet. Schnell aufs Fahrrad und am Ende vom Orléans-Ring rechts. Da steht er auch schon vor mir, der grau-beige Betonbau. Im Halbschlaf die Treppe hoch. Achja, da stehen ja schon alle vor dem Hörsaal. Gerade noch so geschafft. Schnell mal die Lehramtsfreunde und die Elite-Chemiker [1-Fach-Bachelors] begrüßen. Die Tür zum Hörsaal wird geöffnet. Man strömt mit der Masse herein. Hunderte von Leuten um einen herum, Chemiker, Lebensmittelchemiker, Lehrämtler. Diese Vorlesung haben alle gemeinsam, von Montag bis Donnerstag. In den zehn Minuten bis zum Vorlesungsbeginn herrscht eine heitere Stimmung. Überall wird sich unterhalten, und dabei geht es weniger um chemische Phänomene und mehr um die Ereignisse des Sprittwochs. Man sieht zwei Damen in weißen Kitteln umherlaufen. Sie assistieren dem Prof bei den Experimenten. Die Bank ist eng, der Tisch schmal. Schnell noch den Collegeblock und den Stift aus der Tasche holen, für mehr ist sowieso kein Platz. Die Vorlesung beginnt…

… „das war es für heute mit dem VSEPR, also mit dem Valenzelektronenpaarabstoßungsmodell, am Montag behandeln wir dann die Molekülorbitaltheorie, ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!“, schließt der Prof die Vorlesung. Wir sind mittlerweile beim Kapitel ‚Die kovalente Bindung‘. Am Anfang ging es um den ‚Aufbau der Materie‘, das ‚Periodensystem der Elemente‘ und die ‚Ionenbindung‘. Was noch folgen wird, sind Themen wie ‚Die metallische Bindung‘, ‚Aggregatzustände‘, ‚Chemisches GG und MWG‘, ‚Energetik und Geschwindigkeit chemischer Reaktionen‘, ‚Säuren und Basen‘ und zu guter Letzt die ‚Redoxreaktionen‘. Die Vorlesung in allgemeiner Chemie ist eine ganz gewöhnliche Tafelvorlesung, die zwar durch einige PowerPoint-Folien und Experimente ergänzt wird, in der es aber dennoch erforderlich ist, mitzuschreiben. Oft werden die Themen nur kurz angeschnitten und müssen zu Hause noch einmal nachgearbeitet werden. Ich persönlich halte mich immer viel zu lange daran auf und frage mich seit Wochen, wie man sich diese blöde Einheit namens „Joulesekunde“ im Planck’schen Wirkungsquantum anschaulich vorstellen soll. Das meiste, was man nicht verstanden hat, wird einem jedoch im …

 

„Seminar zur Vorlesung Allgemeine Chemie“

… noch einmal erklärt. Hier sind wir Lehrämtler unter uns, das heißt der Kreis verkleinert sich plötzlich von mehreren hundert Leuten auf 40. Im Grunde genommen ist es nochmal eine Vorlesung, aber bei einem anderen Professor, der ausführlicher erklärt. Auch wird einem hier eher die Möglichkeit geboten, Fragen zu stellen. Dafür ist es keine Experimentalvorlesung, man muss aber auch berücksichtigen, dass man das Seminar nur einmal in der Woche 90 Minuten und die Vorlesung viermal in der Woche 45 Minuten hat. Am Ende des Seminars gibt es dann immer einen Übungszettel. Diesen muss man bis zur nächsten Woche vorbereiten, da er im…

 

„Tutorium zum Seminar zur Vorlesung Allgemeine Chemie“

… mit uns besprochen wird, und zwar mit einem Promovierenden aus dem Arbeitskreis des Profs. Die Aufgaben sind echt eine gute Möglichkeit, zu überprüfen, inwiefern man das Ganze schon verstanden hat und wo noch Probleme bestehen, für die man sich dann ja auch Hilfe holen kann. Außerdem soll die Klausur wohl ähnlich aufgebaut sein. An einem Übungszettel arbeite ich im Schnitt so 1-2 Stunden, es ist also definitiv machbar. Die Inhalte aber erst mal alle nachzubereiten, nimmt deutlich mehr Zeit in Anspruch.

 

Insgesamt ist Chemie nicht leicht, und deutlich physikalischer und mathematischer als in der Schule. Ihr glaubt gar nicht, was man alles berechnen kann! Dennoch ist es interessant und macht Spaß, und vor allem werden auch die Zusammenhänge immer deutlicher. Am meisten freue ich mich aber nach wie vor darauf, dieses Fach eines Tages unterrichten zu dürfen. Wie ich darauf schon jetzt ein bisschen vorbereitet werde, erfahrt ihr im nächsten Post, in dem ich dann auf das zweite Schlagwort „Konzeptbezogene Kompetenzen“ eingehen werde.

Bis dann ❤

 

…und woher kommst du so?

Diese Frage dürfte seit jeher unter Studenten zu einer der großen Debatten dieser Lebensphase führen: Dorf versus Stadt. Hier in Münster kommen erstaunlich viele Menschen aus Dörfern, die ich tatsächlich noch nie gehört habe. Da ich ja seit meiner Geburt in einer Großstadt lebe, bin ich wohl eher ein richtiges Stadtkind. Mich überrascht es ja schon, dass Münster eine Großstadt sein soll.

Letztendlich glaube ich, dass man die beiden Lebensstile gar nicht so einfach vergleichen kann, aber vor allem kann man manche Dinge nicht einfach so nach dem Motto „Das machen nur die Dorfkinder bzw. Stadtkinder“ zuordnen. Eigentlich hat denke ich beides seine Vor- und Nachteile, und ich kenne das Dorfleben allenfalls vom Bauernhof meines Großonkels aus Österreich, wo ich früher öfters gewesen bin. Aber da hat es mir immer sehr gut gefallen.

Dennoch muss ich jetzt mal betonen, dass in einer Stadt nicht immer alles laut, unruhig und hektisch zugehen muss. Es kommt einfach darauf an, was man daraus macht. Außerdem gibt es auch in der Stadt Natur und Grünflächen. Und wer beispielsweise glaubt, in New York gäbe es ja „nur“ den Central Park, der weiß wahrscheinlich a) nicht, wie groß dieser ist und b) wie viele andere Parks es noch gibt. Das hier soll jetzt gar kein Plädoyer für das (Groß)stadtleben werden, aber ich wollte mal anmerken, dass es auch in der Stadt schön sein kann. ❤ Und auch dort gibt es einige Sachen, die es vielleicht nirgendwo anders auf der Welt gibt. Ich sage nur: Längste Theke der Welt…

Also jetzt mal an alle: Seid stolz darauf, wo auch immer ihr her kommt und auf das, was ihr von dort mitnehmt, aber behaltet im Hinterkopf, dass der gegenteilige Lebensstil andere, genauso schöne Sachen beinhaltet. Ich für meinen Teil liebe meine Stadt echt über alles und kenne an einigen Stellen wirklich jeden Winkel, und würde von mir selbst sagen, dass ich zwar wahnsinnig froh bin, dort zu leben, aber dass ich woanders wahrscheinlich auch glücklich wäre und es einfach zu wenig kenne. 🙂

Soo, das hier war jetzt mein Versuch, ein bisschen die Wogen zu glätten, die in solchen Diskussionen meistens aufkommen. Das einzige, was mich persönlich stört, ist, wenn Menschen überzeugt davon sind, dass ihr Lebensstil der einzig lebenswerte sei. Aber davon habe ich bis jetzt Gott sei Dank nicht allzu viele getroffen, sondern wollte es einfach grundsätzlich mal loswerden. Jetzt wünsche ich allen, egal ob aus einer riesigen Stadt oder einem süßen Dorf, einen schönen Tag!

… und wo wohnst du so?

Diese Frage wurde mir in den letzten beiden Wochen bestimmt 100mal von Kommilitoninnen und Kommilitonen gestellt. Wo genau ich wohne, kann an diese Stelle natürlich nicht beantwortet werden… Dennoch gibt es nun einen Beitrag zu meiner Wohnsituation, der wahrscheinlich vor allem für diejenigen hilfreich sein dürfte, die noch nicht studieren und denen das Problem der Wohnungssuche irgendwann noch begegnen wird.
Am wichtigsten dürften denke ich die folgenden Punkte sein:

Zu mir persönlich: Ich wohne in einer Dreier-WG, zusammen mit einem Mädchen und einem Jungen, die beide letztes Jahr Abitur gemacht haben. Wir verstehen uns bis jetzt sehr gut und unterhalten uns oft in der Küche, wenn man sich dort zufällig begegnet. Letzte Woche haben wir auch mal zusammen gekocht. Für mich war es wichtig, auf keinen Fall in eine Zweck-WG zu kommen und das ist Gott sei Dank auf keinen Fall passiert. 🙂

Zur Wohnung: Ich habe das Glück, ein 19qm-Zimmer mit Balkon zu haben. Wir haben eine relativ große Küche, in der wir einen großen Esstisch mit Stühlen und einen riesigen Wandschrank stehen haben. Eine Spülmaschine gibt es nicht, aber das wäre auch echt Luxus in einer Studenten-WG. Die Lage ist super (mehr kann ich hier natürlich nicht verraten) und ich kann alle meine Institute in 5-7 Minuten mit dem Fahrrad erreichen. 🔝

Zur Situation in Münster: Die WG-Suche gestaltet sich, gerade wenn man Ersti ist, sehr schwierig, es sei denn, man kennt privat irgendjemanden. Beim Studentenwerk sollte man sich so früh wie möglich, spätestens aber 6 Monate vorher bewerben, bekommt man eine Zusage für ein Einzelzimmer oder -appartement, kann man noch immer absagen. Selbst wenn man potentielle Mitbewohner kennt, ist es dennoch leider sehr unwahrscheinlich, in einem der Wohnheime eine 2-/3-/4-Zimmer-Wohnung zu bekommen. Natürlich macht es auch Sinn, sich außerhalb des Studentenwerks auf die Suche zu begeben. Eine gute Adresse ist WG-gesucht.de. Die Zimmervergabe erfolgt meist über eine Art Casting und hier ist viel Geduld gefragt. Auf viele Nachrichten erhält man gar keine Antworten und dass es direkt bei der ersten Besichtigung etwas wird, ist nicht unmöglich, aber eher selten. Ich habe übrigens 5 Anläufe gebraucht. 🙂 Ansonsten gibt es in Münster ein paar katholische Wohnheime. In einigen hat man sogar ein eigenes Bad und teilt sich nur die Küche. Dort kann man sich über ein Motivationsschreiben bewerben.

Worauf man bei der Zimmersuche achten sollte: Welche Größe man für sich benötigt, ist natürlich von jedem selbst zu entscheiden. Selbstverständlich ist hierbei auch die Höhe der Miete zu berücksichtigen. An dieser Stelle schon mal ein Tipp: Ja, Münster ist verhältnismäßig teuer. Aber lasst euch nicht auf alles ein! Im Internet findet man 12qm-Zimmer für über 400 Euro, was meiner Meinung nach der Wahnsinn ist. Genauso wie die Appartements in bestimmten privaten (nicht kirchlichen) Wohnheimen, die 500 Euro aufwärts kosten. Ebenso solltet ihr euch überlegen, ob ihr das Zimmer gerne selbst einrichten möchtet oder lieber in ein vormöbliertes Zimmer einziehen wollt. Beides hat seine Vor -und Nachteile. Mir hat es sehr viel Spaß gemacht, alle Möbel auszusuchen und das Zimmer zu gestalten, aber es war eine ganze Menge Arbeit und bedeutet natürlich auch, dass ich nach Möglichkeit erst mal dort wohnen bleiben sollte. Wenn ihr also keine Lust auf Möbel aufbauen habt oder euch einfach noch nicht sicher seid, ob ein Studium/der Standort etc. das Richtige für euch ist, dann kann ein möbliertes Zimmer sich als praktisch erweisen. Oft können auch in WG-Zimmern einzelne Teile von den Vormietern übernommen werden. Ansonsten sollte das Zimmer nach Möglichkeit hell sein, Platz für alle Dinge bieten, die ihr unterbringen wollt und auch bei geöffnetem Fenster so ruhig gelegen sein, dass man gut schlafen kann. Seht euch das Zimmer also ruhig genau an, probiert, ob sich die Fenster öffnen lassen, in welchem Zustand es ist usw. Das muss euch überhaupt nicht unangenehm sein, schließlich wollt ihr dor eventuell einen Großteil der nächsten Jahre eures Lebens verbringen! 😉 Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Lage zur Innenstadt und zur Uni. Ich bin oft bis zum Abend im chemischen Institut und dann immer sehr dankbar für meinen kurzen Weg.

Tipps für das WG-Casting: Eine wirkliche Anleitung gibt es eigentlich nicht. Ich würde grundsätzlich empfehlen, offen zu sein, Lob auszusprechen, wenn euch etwas in der Wohnung gefällt und über euch selbst nicht nur die klassischen Dinge wie „Ich backe gerne, mache Sport und bin ein freundlicher Mensch“ zu erzählen. Überlegt vorher, was euch ausmacht und bringt das auch während des Gesprächs zum Ausdruck. Meistens gibt es noch mindestens 15 andere Bewerber und so habt ihr die Chance, in Erinnerung zu bleiben. Natürlich ist es auch wichtig, Gegenfragen zu stellen und nicht nur von euch selbst zu erzählen. Zeigt Interesse an euren vielleicht zukünftigen Mitbewohnern und nicht nur an der Wohnung an sich. Ansonsten: Seid höflich und respektvoll, setzt euch erst nach Aufforderung und haltet Blickkontakt zu euren Gesprächspartnern, auch wenn sich die Situation vielleicht zunächst unangenehm anfühlt. Meiner Meinung nach ist es nicht notwendig, bisher fremden Leuten ein Geschenk mitzubringen. Das kann auch schnell als Bestechung aufgefasst werden. Außerdem ist es wahrscheinlich meistens am besten, alleine zum Casting zu gehen. Schließlich wollt ihr (und zwar als selbstständiger Mensch) und nicht eure Eltern/eure Freundin in die WG einziehen. 🙂 Ich persönlich habe es immer so gemacht, dass ich mit meinen Eltern, vereinbart habe, dass ich mich kurz melde, wenn ich in der Wohnung angekommen bin (sie haben meistens unten gewartet) und dass sie klingeln sollen, wenn sie nach 5 Minuten nichts von mir hören (man darf es halt nur nicht vergessen).

Verschiedene Wohnformen: Neben einem WG-Zimmer kann man natürlich auch noch in ein Einzelzimmer ziehen, was heißt, dass man sich sanitäre Anlagen sowie die Küche dann mit den anderen Leuten auf dem Gang teilt. Das wäre jetzt nicht unbedingt meine präferierte Wohnform, hätte ich aber zu Anfang, um erstmal etwas zu haben, dennoch gemacht. Weitergehend kann man auch ganz alleine in eine Wohnung bzw. ein Appartement ziehen. Dort hat man wahrscheinlich am meisten seine Ruhe, ist aber dafür auch etwas einsamer. Ich habe denke ich für mich mit der WG die für mich am besten geeignete Wohnform gefunden, finde aber, dass man das nicht verallgemeinern muss. Ganz wichtig finde ich nicht zuletzt, dass es in einer WG einen Putzplan gibt, damit alle mitverantwortlich sind!

Noch einen schönen Abend! ❤

„Ich habe da so ganz zwischendrin gehört, Sie wollen vielleicht Lehrerin werden?“

Mein letzter richtiger Beitrag (bis auf den Text über die Erschaffung der Lehrerin von eben) liegt schon etwas zurück. Deshalb dachte ich, dass es mal an der Zeit für ein kleines Update wäre. Da es mit der Uni aber erst im Oktober so richtig losgeht und es in Sachen Umzug momentan auch noch nicht viel Spannendes zu berichten gibt, erzähle ich mal vom Abschlussgespräch mit meiner Mentorin des Eignungspraktikums ELiSe.

Um das Praktikum reflektieren zu können, musste man sich im Internet verschiedene Bögen herunterladen, zu denen man dann etwas schreiben sollte. Es gab vier Standards, die eine wichtige Rolle spielten. Darunter befand sich dann jeweils eine Tabelle mit Beispielen für Erwerbssituationen und Indikatoren, die zeigen sollten, woran man die zu erwerbende Fähigkeit erkennen konnte.

Standard 1 befasste sich mit der Fähigkeit, die Situation der Schülerinnen und Schüler als individuelle Lerner wahrzunehmen und zu reflektieren. Das war eigentlich vom ersten Tag an möglich. Bei der Unterrichtsvorbereitung war es für mich immer sehr hilfreich, dass ich zuvor schon mal in der betreffenden Klasse/dem Kurs gewesen war und somit die Schülerinnen und Schüler schon ein wenig kannte. Ich habe auch immer versucht, alle in den Unterricht mit einzubinden und Fragen zu stellen, die unterschiedliche Kompetenzniveaus ansprechen sollten.

Standard 2 beinhaltete Fähigkeit, die Rolle der Lehrenden wahrzunehmen und zu reflektieren. Das klingt ebenfalls leicht, hat bei mir aber eine Weile gedauert, da hierfür natürlich ein Perspektivwechsel erforderlich ist. Mein Praktikum hat eine Woche nach der mündlichen Abiturprüfung begonnen und daher war ich natürlich auch noch sehr nah an den SuS dran. Mit der Zeit gelang mir das jedoch immer besser, vor allem auch dadurch, dass eine Lehrerin mir angeboten hat, mich mal mit an ihr Pult zu setzen und ich mal einen ganz anderen Blick auf die Klasse hatte. Ebenso hatte ich Einblicke in die Leistungsbeurteilung und Korrektur von Klausuren und durfte an den Zeugniskonferenzen teilnehmen, was für mich total spannend war. Der eigentliche Perspektivwechsel wurde aber durch das eigenständige Unterrichten herbeigeführt, was ich schon nach einer Woche machen wollte und auch durfte.

Bei Standard 3 ging es darum, die Schule als Organisation und als Arbeitsplatz oder auf die Schule bezogene Praxis- und Lernfelder wahrzunehmen und zu reflektieren. Damit war gemeint, sich über den Arbeitsaufwand des Berufs klar zu werden (Stichwort: Vor- und Nachbereitung des Unterrichts) und Gespräche mit den LuL und der Schulleitung zu führen. Von großer Bedeutung waren für mich ein Gespräch mit zwei Lehrern, die zusammen eine Klasse geleitet und mit mir über die Organisation des Klassenrats und der anstehenden Klassenfahrt gesprochen haben, sowie ein Gespräch mit der Direktorin, deren Engagement und allumfassenden Blick auf das Leben in der Schule ich wirklich sehr schätze.

Bei Standard 4 wurden dann nochmal explizit die ersten eigenen Handlungsmöglichkeiten im pädagogischen Feld genannt, auf deren Hintergrund die Studien- und Berufswahl reflektiert werden sollte. Was soll ich sagen? Das Unterrichten hat mir so unglaublich viel Spaß gemacht, die Anspannung war nach wenigen Minuten verflogen und nach einigen Stunden in den Klassen und Kursen fühlte es sich ganz normal an.

Kommen wir langsam zum Fazit: Das Eignungspraktikum war für mich eine sehr aufregende Zeit, die mich total in meinem Berufswunsch bestärkt hat. Es war natürlich anstrengender als ich gedacht hätte, was aber für mich überhaupt nicht schlimm war, da ich es einfach alles so wahnsinnig gerne gemacht habe! Besonders toll waren für mich natürlich die vielen, eigentlich durchweg positiven Rückmeldungen; von Schülerinnen und Schülern, die gesagt haben, dass ich den perfekten Beruf für mich gefunden hätte, dass ich besser unterrichten würde als manche ihrer Lehrer, die traurig waren, dass ich gehen musste; von Lehrerinnen und Lehrern, die total überrascht von mir waren und mich als „Naturtalent“ bezeichnet haben, die von Fähigkeiten gesprochen haben, die manche Referendare noch nicht hätten, die mir gesagt haben, dass ich immer wieder an der Schule willkommen sei. Natürlich gab es auch Kritik, aber eher in Form von konstruktiven Ratschlägen, die mich wirklich weiterbringen. So hat zum Beispiel eine Lehrerin gesagt, dass ich einfach noch sehr jung sei und noch ein bisschen an meinem Blickkontakt mit der Klasse arbeiten muss, aber ich bin wirklich froh, dass es mir gesagt wurde. Das werde ich mir auf jeden Fall als Konsequenz für mein nächstes Praktikum vor. Jetzt freue ich mich aber auch erst mal aufs Studium, das – nach allem, was ich gehört habe – auch eine sehr prägende und ereignisreiche Zeit sein soll!

All das habe ich auch meiner Mentorin im Abschlussgespräch erzählt und sie hat mir auch nochmal von ähnlichen Reaktionen der Lehrerinnen und Lehrer ihr gegenüber erzählt, was mich sehr gefreut und geehrt hat. Zum Abschluss hat sie dann den Satz gesagt, den ich als Überschrift für diesen Post gewählt habe und ich habe sie gefragt, wie sie bloß darauf gekommen ist… 🙂

Allen einen guten Start in die neue Woche!

Die Erschaffung der Lehrerin

Heute möchte ich einen Text von Hans Wenke mit euch teilen, den ich irgendwie sehr schön und passend finde:

Als der Liebe Gott die Lehrerin schuf, machte er bereits den sechsten Tag Überstunden. Da erschien der Engel und sagte: „Herr, Ihr bastelt aber lange an dieser Figur!“

Der Liebe Gott sprach: „Hast du die speziellen Wünsche auf der Bestellung gesehen? Sie soll pflegeleicht, aber nicht aus Plastik sein, sie soll 160 bewegliche Teile haben; sie soll Nerven wie Drahtseile haben und einen Schoß auf dem zehn Kinder gleichzeitig sitzen können, und trotzdem muss sie auf einem Kinderstuhl Platz haben. Sie soll einen Rücken haben, auf dem sich alles abladen lässt, und sie soll in einer überwiegend gebückten Haltung leben können. Ihr Zuspruch soll alles heilen, von der Beule bis zum Seelenschmerz; sie soll sechs Paar Hände haben.“

Da schüttelte der Engel den Kopf und sagte: „Sechs Paar Hände, das wird kaum gehen!“ „Die Hände machen mir keine Kopfschmerzen“, sagte der Liebe Gott, „aber die drei Paar Augen, die eine Lehrerin haben muss.“ „Gehören sie denn zum Standardmodell?“, fragte der Engel. Der Liebe Gott nickte: „Ein Paar Augen, das durch geschlossenen Türen blickt, während sie fragt: was macht ihr den da drüben? – obwohl sie es schon lange weiß. Ein zweites Paar im Hinterkopf, mit dem sie sieht, was sie nicht sehen soll, aber wissen muss. Und natürlich noch zwei Augen hier vorn, aus denen sie ein Kind ansehen kann, das sich unmöglich benimmt, und die trotzdem sagen: Ich verstehe dich und habe dich sehr lieb! – ohne dass sie ein einziges Wort spricht.“

„Oh, Herr!“, sagte der Engel und zupfte den Herrn leise am Ärmel, „geht schlafen und macht Morgen weiter.“ „Ich kann nicht“, sagte der Liebe Gott, „denn ich bin nahe daran etwas zu schaffen, das mir einigermaßen ähnelt. Ich habe bereits dafür gesorgt, dass sie sich selbst heilt, wenn sie krank ist; dass sie 30 Kinder mit einem winzigen Geburtstagskuchen zufrieden stellt; dass sie einen Achtjährigen dazu bringen kann, sich vor dem Essen die Hände zu waschen, einen Vorschüler davon überzeugt, dass Knete nicht essbar ist und übermitteln kann, dass Füße überwiegend zum Laufen und nicht zum Treten gedacht waren.“

Der Engel ging langsam um das Modell der Lehrerin herum. „Zu weich“, seufzte er. „Aber zäh“, sagte der Liebe Gott energisch. „Du glaubst nicht, was diese Lehrerin alles leisten und aushalten kann!“ „Kann sie denken?“ „Nicht nur denken, sondern sogar urteilen und Kompromisse schließen,“ sagte der Liebe Gott, „und vergessen!“ Schließlich beugte sich der Engel vor und fuhr mit dem Finger über die Wange des Modells. „Da ist ein Leck,“ sagte er, „ich habe euch ja gesagt, ihr versucht zuviel in das Modell hineinzupacken.“ „Da ist kein Leck“, sagte der Liebe Gott. „Das ist eine Träne. Sie fließt bei Freude, Trauer, Enttäuschung, Schmerz und Verlassenheit.“ „Ihr seid ein Genie“, sagte der Engel. Da blickte der Liebe Gott versonnen: „Die Träne ist das Überlaufventil“, sagt er.

Die Leere nach dem Abi

Ein kleiner Rückblick: Es ist Mittwoch, der 6. Mai, ungefähr 9 Uhr morgens. Der Tag fühlt sich seltsam an. Es ist seit dem 28. März der erste Tag, an dem ich überhaupt nichts mehr lernen muss, an dem ich mir nicht den Kopf über Tauben im Gras, den American Dream, die nucleophile Substitution oder die Unterschiede zwischen Montessori und Reggio zerbrechen werde. Es ist der Tag, auf den ich wochenlang hingearbeitet habe, es ist der Tag nach dem mündlichen Abitur. Ein Gedanke geht mir durch den Kopf: Was mache ich heute überhaupt? Ich kann ja frühstücken solange ich will, habe alle Zeit der Welt… Aber irgendwie habe ich gar keine Lust, etwas zu machen. Der ganze Stress fällt endlich von einem ab, doch nun fühle ich mich irgendwie leer. Ist das normal? Ich gebe es ins iPad ein und Google schlägt mir die Phrase „Leere nach dem Abi“ sogar nach wenigen Buchstaben schon vor. Okay gut, es ist also normal. Ich wühle mich durch diverse Artikel, Beiträge in Foren etc. und komme erleichtert zu dem Schluss, dass bei mir eigentlich gar keine Leere vorherrschen muss. Schließlich würde ich in zwei Tagen nach New York fliegen und danach würde auch schon das Eignungspraktikum beginnen. Außerdem weiß ich ja genau, was ich machen will.

Zurück in die Gegenwart: Mittlerweile hat ganz Nordrhein-Westfalen seine Abiturzeugnisse in der Hand, auf denen zwei Zahlen stehen, durch ein Komma voneinander getrennt. Zwei Zahlen, die für viele von enorm hoher Bedeutung sind. Der NC. Ich weiß, dass es ihn geben muss, aber finde ihn trotzdem bescheuert. Da möchte jemand unbedingt ein bestimmtes Fach studieren und es scheitert an einer kleinen Zahl hinter dem Komma. Oder, so wie bei mir: Da möchte man Lehrerin werden und 90% sagen einem: „Waaas? Aber du könntest doch Psychologie oder Medizin machen… “ Ja, ich könnte. Aber ein Freund von mir sagte neulich so schön: „Wenn man etwas wirklich machen will, ist es doch egal, ob man mit dem NC noch ganz andere Dinge studieren könnte!“ Er hat ja sooooo Recht! Genauso wie die Lehrerin, die zu mir sagte: „Lass dir da von niemandem reinquatschen, mach einfach dein Ding!“

Was das nun mit dem Ausgangsthema zu tun hat: Ich habe da einen Vorschlag, der Leere nach dem Abi entgegenzuwirken! Diesen könnt ihr dem Bild entnehmen. Ich glaube, man könnte kaum einen vielfältigeren Beruf ergreifen, oder? Und ich kann euch garantieren: Eine ganze Reihe dieser Aufgaben durfte ich im Praktikum auch schon erfahren! Ich möchte jeden Interessierten ermutigen, sich im Eignungspraktikum mal selbst auszuprobieren, vielleicht ist das ja was für einen. Mir wurde direkt am ersten Tag gesagt: „Lehrer werden geboren!“. Mein erster Gedanke war: „Hilfe, ich möchte es doch so unbedingt machen, was, wenn ich total ungeeignet bin?“ Aber ich kann nur sagen: Wer es nicht ausprobiert, wird es niemals wissen! Also: Habt den Mut, „alles“ zu sein! ❤IMG_2175 (3)